Montag, 1. Juli 2013

1.33.1 Kanye West - Yeezus

8.0/10.0

Bei all den Tracks, die der Mann die letzten Jahre rausgehauen hat, war es schwer ewig einen Bogen um ihn zu machen. Aufmerksam wurde ich auf den penetrant schmeichelnden Autotune auf 808s & Heartbreak, nicht wissend, dass Mr. West die Jahre davor schon mitreissende Arbeit in diesem Business leistete. (Gut, Stronger war für mich auch nicht zu übersehen.)
Schließlich ließ ich ihn aber links liegen. Negativschlagzeilen und South Park trugen zu meinem beeinträchtigten Bild vom Unaushaltbarsten aus diesem Pool voller unbelehrbarer rappender Großmäuler bei, und ausgegraben habe ich ihn nur, weil er sich nun der interessanten Albumflut von 2013 anschließt (er selber würde wahrscheinlich behaupten, er führe sie an) und seine neue Scheibe Yeezus in den Sommer katapultiert um die getunten Lautsprecher in den Sportwagen dieser Welt zu beschäftigen (denn der mutige Rapper des kleinen Mannes ist er dieser Tage sicherlich nicht, da kann er sich noch so minimalistische Cover ausdenken.)

Konzertauszüge auf YouTube stimmten mich immerhin interessiert, schließlich hörte ich mich auf dem Vorgänger My Beautiful Dark Twisted Fantasy warm, konnte somit ... Yeezys musikalische Fehlentscheidungen und Genialität wertschätzen und mir von diesem hämmernden Kunstwerk ein ordentliches Bild schaffen, dieses schließlich gar in Geschriebenes umwandeln:

Gegen meinen ursprünglichen Eindruck von Kanye West, als grobschlächtiger Texter und "lediglich" kluger Producer, stellen sich also die meisten Lyrics auf Yeezus als glaubhaft tatsächlich dar und machen - wieder: meistens - Spaß am Sound.
Dass er dem Bass Flügel verleiht, darf an dieser Stelle nicht unausgesprochen bleiben. Eine Geräuschkulisse wie auf Yeezus bringt die Absichten eines talentierten Rappers und Denkanstößer zum nächsten Level, dazu kommt der außerordentlich schnittige Griff in die Sample-Trickkiste und der gute Eindruck ist perfekt: Er weiß was er tut.
Meistens.

Denn unüberhörbar bleiben - und nach meiner Erfahrung scheint es bei Kanye West ein leidiges Thema zu sein - Gesangdefizite und unsinnig gestrecktes Geheule, die einem den einen oder anderen gut gemeinten Track kaputttreten (Blood on the leaves, Guilt Trip). Mein guter Wille wird unterm Strich mit seinen hässlich umgesetzten Ideen (egal ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt) an zu vielen Stellen überstrapaziert. Das pulsierende I'm in it beweist mir beispielsweise, warum ich mich niemals reinen Gewissens dem behandelten Genre verschreiben werde können.
Generell ist der Sound auf Yeezus, in all seiner animalischen Stärke, eigentlich kraftvolles Statement genug für mich um meine Ohren Wochen lang zu beschäftigen, wozu dann also primitive Redewendungen dichten und zusammenflicken, nur um Lücken zu füllen? Er kann nicht ernsthaft davon ausgehen, dass seine überwältigende Komposition immer für die beleidigend einfach gestrickten Passagen geradesteht. Und doch lässt er es so stehen, schreibt sich angeblich Texte Stunden vor Präsentationen neu zusammen und will den Eindruck erwecken ein monatelang durchdachtes Album fertig gestellt zu haben. Ha.

Die erste Hälfte des Albums ist immerhin originell und beachtlich stehen geblieben - ja, stärkere Musik hört man dieser Tage selten. Und dass er an Selbstüberschätzung leidet (I am a god), sorgt während diesem Gefetze immerhin für eine humorvolle Randnotiz. Das sympathische Wechselbad zwischen tiefer House-Schublade (On sight) und einer gottgegebenen rechten Geraden (Black Skindhead) motiviert in den ersten Minuten zu mehr und mehr - der Payoff von New Slaves alleine schießt mein Rating für Yeezus durchs Dach.
Diese polierten Samples glänzen an den korrekten Stellen und verabreichen Kanye Wests Musik ein zerbrechliches Fläschchen Unsterblichkeit. Bin ich froh, dass er um diesen Umstand Bescheid weiß.

In der eintretenden Ruhe nach dem experimentellen Finale Bound 2 (und einem weiteren Beispiel dafür, dass er sich mit seinen Vorstellungen hörbar weit aus dem Fenster lehnt) findet man jedoch in seinem Inneren ausschließlich Wohlwollen mit dem frischgebackenen Vater und alteingesessenen Millionär. Denn das ganze unmenschliche (übermenschliche?) Theater lebt in meinem Ohr lediglich auf Kosten ein paar herumliegender Euro und einer großzügig gerundeten Dreiviertelstunde, die man mit dieser Musikrichtung bereits sinnloser verbracht hat, als mit Yeezus.

StrawHat
(hurry up with my damn album cover)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:

01 On sight
02 Black Skinhead
03 I am a god
04 New Slaves
05 Hold my liquor
06 I'm in it
07 Blood on the leaves
08 Guilt Trip
09 Send it up
10 Bound 2

Montag, 17. Juni 2013

2.55 THE LAST OF US (PS3)

9.8/10.0

So fühlt sich ein Spiel des Jahres an.
Ich kehre gerade aus einem Epos zurück, dessen Inhalt mich ein Wochenende und einen Montagabend beschäftigte. So brutal reingezockt habe ich schon lange nicht mehr, so versessen auf den Storyfortschritt hab ich mich ewig nicht gefühlt.
The Last Of Us katapultiert die Messlatte - nicht nur für dieses Jahr - sondern für Adventure/Third-Person-Shooter generell in den legendären Videogame-Olymp.
Mit einem System, das sich gegen sein eigene Linearität wehrt und einem offene Schusswechsel und Szenerien über mehrere Wohnblocks bietet, Macht und Fragilität nach Belieben vorgaukelt und einen mit den Sorgen hinter der nächsten verräumten Ecke stets durch unerwarteten Frieden und blutrünstigen Terror überrascht, wächst und lernt man mit den geforderten Hauptakteuren.

Die unfreiwillige Reise von Joel und Ellie bietet Naughty Dog-typische Rätsel, die sich mit Spazier-Passagen und Hinterhalten abwechseln, den leider ermüdlichen Überlebensgeist zögerlich nähren und einen in licht- und aussichtslosen Gebieten paranoid die Taschenlampe schwenken lassen.
Die glaubhaft emotionale Umsetzung eines meisterlich geschriebenen Screenplays erreicht gruselig berührende Ebenen, sie greift nach deiner Hoffnung auf eine friedliche Zukunft, deinem Wunsch nach dem Überleben deiner Nächsten, doch die Realität schlägt in diesem Großprojekt unermüdlich zu. Alles was du dagegen zu setzen hast, findest du auf deinem Weg.

Das Gameplay dreht sich um das Steuerkreuz. Waffen und Ausrüstung finden sich übersichtlich und freischaltbar über- und nebeneinander geschichtet. Skills wie ein aufmerksameres Gehör nach heranschleichenden Feinden (lebendig wie untot) oder schnellere Heilung, gilt es sich langsam zu erarbeiten. The Last Of Us funktioniert als ordentlicher Survivor: Du gibst auf deine Munition acht und holst dir aus allen Ecken möglichst vielseitige Werkzeuge um deine Schlag- und Schusswaffen zu verbessern und - vorallem - temporär noch tödlicher zu machen.
Sniper-, Quicktime- und Stealthsequenzen holen aus dem Engine raus, was es zu bieten hat. Die arme PS3 heult alarmierend auf, wenn sich eine lange Passage der Verwüstung nähert, doch bis auf verzeihbares Millisekunden-Grafik-Schluckauf an der einen oder anderen Stelle läuft alles reibungslos und flüssig.

Stimmungsvoll inszenierter Menschenuntergang, nach wie vor intakte Natur und unheilvolle Tunnels nehmen euch den Atem. Naughty Dog vereint alles, was man in den bis dato unschlagbaren Uncharted-Abenteuern lieben gelernt hat, entfernt überflüssige over-the-top-Stellen, und wälzt es auf ein Genre um, das sie nun auch noch zähmen konnten.
Mit gebrochenem Herzen schleppt ihr euch durch die schwierigen Jahreszeiten, erlebt gegenseitige Therapie und die Ups & Downs des Zombie-Apokalypsenleben. Wo Vogelgezwitscher über die scheinheiligen Passagen des Friedens nicht erfolgreich hinwegtäuschen, schaltet sich eine akustische Gitarre ein um dieses Kino-reife Drama trocken zu kommentieren.

Stellt euch also eure Lieblings-Adventureserie vor, mit dem Unterschied euch am Trigger zu wissen. Die Verantwortung über Leben & Tod mehrerer Parteien, nicht zuletzt eurer Rasse, im PS3-Controller gebündelt. Taktischer Combat, Ablenkungsmanöver - jede Essenz führt in den Tod oder durch das nächste eingeschossene Fenster in einen weiteren Stadtteil.

Was für eine großartige Inszenierung dieses Werk geworden ist! Keine Übertreibungen, keine erzwungenen Twists. Der Storyverlauf entwickelt seine eigene Dynamik, die Charaktere wachsen und leiden an und mit ihren Herausforderungen. Und als alles verloren scheint, erreicht sie die gottlose Realität rechtzeitig genug um ihre umkämpften Vorhaben ins Chaos zu stürzen ..

StrawHat
(frisch vom vermeindlichen Spiel des Jahres)
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LINKS:

THE LAST OF US LAUNCH TRAILER: http://youtu.be/OQpdSVF_k_w

Sonntag, 16. Juni 2013

2.54 LEGO CITY UNDERCOVER (WiiU)

9.3/10.0

Ich war u.a. ein Lego-Kind. Rückstände zahlreicher innerer Blutungen zeugen davon, dass ich im Alter von 3-10 tausende Male auf übersehene Eckteile gestiegen bin. (Der Aufdruck des Lego-Logos hatte die Sache dabei auch nicht besser gemacht - man hat diese Narben wie Brandmale getragen, wenn einen die kleinen Höcker ins Fleisch schnitten.)
Aber wollte man auf das flexible Bauen von erdachten Raumschiffen und Städten deswegen verzichten? Sicher nicht. Großpakete mussten ins Haus, je mehr, desto besser.
Heutzutage kann Lego die Kinder nach wie vor durch verregnete Nachmittage retten, die eingekauften Franchises wie WBs Harry Potter, DCs Batman, Disneys Pirates Of The Caribbean und selbstverständlich Star Wars pushen die Möglichkeiten und Verkaufszahlen erneut enorm. Klar blickt man da schon neidisch auf die Kids, aber es hat doch etwas Befriedigendes, Teil vom "alten" Lego gewesen zu sein und noch das Privileg zu genießen, sich (hauptsächlich) seine eigenen Welten zusammen geschustert zu haben.

Gut, wie ich nach jahrelanger Abstinenz feststellen konnte, rettet einen die Marke selbst durch schwierige Urlaube und durchaus auch verregnete Wochenenden, wenn auch nicht in ursprünglicher Form, sondern mit dem verlängerten Videospiel-Arm. Nachdem mich also Lego Star Wars für den DS vor Jahren alles andere als enttäuschte, griff ich ursprünglich aus reiner Sehnsucht nach dem kommenden GTA V auf das Open World-Monster Lego City Undercover für die WiiU zurück und wurde prompt gute 50 Stunden mit Tonnen von sehenswerten Collectibles, zahlreichen Errungenschaften und Freischaltungen und vorallem einer äußerst unterhaltsamen Story ausgestattet. Kurz: Wieder eines von diesen Spielen, die den satten Kaufpreis berechtigen.

Selten hat mich die mediale Aufmerksamkeit von Entwicklern so überrascht, wie in diesem Nintendo-Exclusive. Starke Filmreferenzen, unfassbar humorvolle Begebenheiten und smarte Verwendung ihres Produkts lassen das Spiel keine Sekunde lang undurchdacht und fad wirken (ausgenommen das einzige Manko des Titels: Die unnachgiebigen Ladezeit beim Betreten von Missionen und Gebäuden). Man ist ständig auf der Suche nach Upgrades, Geheimverstecken und sogenannten Super-Builds, auf denen sich kreative und teils wunderschöne Lego-Themenprojekte bauen lassen.
Die Akteure wachsen einem ans Herz, die Kostüme schlagen ein (ihr könnt zwischen hunderten Verkleidungen wählen - Bankräuber, Monster, Clowns, Flugbegleiterinnen, Zombies, Bauarbeiter, verschiedene Alienvariationen), die Aufgaben sind abwechslungsreich (gärtnern, beamen, stehlen, Spuren suchen, Sachen korrekt bemalen, fahren, reiten, basteln, Katzen retten, mit dem Presslufthammer arbeiten, Kaffee trinken, Wortspiele begreifen uvm. ..) und die Missionen packend, weit gestreut und zum Totlachen.

An jeder Ecke gilt es Merkwürdigkeiten zu verfolgen und liebevoll gestaltete Großstadtsimulationen (chillige Parks, chaotische Gefängnisse, gigantische Brücken oder das Polizei-Hauptquartier) zu verschönern. Selten hat ein Videospiel dermaßen befriedigt und glücklich gemacht, "Ahhhh"s und "Ohhh"s sind an der Tagesordnung, die Magie anfassbar, die Welt ein einziger großer Spielplatz.

Ein Spielplatz, der für die Figuren ein verrücktes Alltagsleben darstellt, in dem sie sich behaupten und ihren Berufen nachgehen müssen. Ihr seid Chase McCain, ein aus dem Exil zurückkehrender Polizist, der auf seinen aus dem Gefängnis ausgebrochenen Erzfeind Rex Fury angesetzt wird. Behindert durch die vertrottelte Polizeiarbeit seiner Kollegen und den Machenschaften organisierten Verbrechens, erkämpft man sich Schritt für Schritt eine irreführende Spur auf den gesuchten Verbrecher und hat schließlich als Undercover-Undercover-Polizist mit der Aufdeckung der geheimen Identität zu kämpfen. Und selbstverständlich der Tatsache, dass man der einzig korrekt arbeitende Bewohner des gesamten Ökosystems ist. Selbst Bauernhoftiere missverstehen zuweilen ihre Rolle.

Mit Lego City Undercover bekommt man also eines der ersten richtig großen Spiele für die WiiU ins Haus, die nicht von Nintendos gigantischem Mario-Baum gefallen sind. Spätestens jetzt hat sich die Entscheidung für diese Konsole berechtigt, so viel Spaß hatte ich in einem Game schon lange nicht mehr.
Zuschlagen, zuschlagen, zuschlagen!

StrawHat
(saß jetzt lang genug vor dem Compuper)
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LINKS:

LEGO CITY UNDERCOVER TRAILER: http://youtu.be/E7SYYU83RJ0

Mittwoch, 12. Juni 2013

1.32.1 Justin Timberlake - The 20/20 Experience (Deluxe)

7.1/10.0

Wie sicherlich nicht nur einmal erwähnt, ist Pop nicht mein Gebiet. Ich meine, heutzutage ist man der Radiowatsch'n auf die eine oder andere Weise sowieso ausgeliefert. Die Plattenfirmen spinnen einem die Sicherungen kaputt und Ohrwürmer schleichen sich ein. Die Leute greifen uns mit ihren perfekt konstruierten Balladen und unverschämt ordentlich arrangierten Chartbreakern an und oft reagiert man fast schon automatisch negativ auf neue Kommerzmusik, einfach weil sie sich eben danach anhört. Gute Künstler also auf einem musikalischen Grund und Boden herauszufiltern, über den so gut wie jeder schonmal geurteilt hat, ist knifflig und schwer vertretbar:
"Was? Der gefällt dir? Der schreibt doch nicht mal seine Songs selber!" oder "Nein, machs aus, ich kanns nicht mehr hören. Das ist schon die fünfte Single vom neuen Album." oder "Die ersten Alben waren viel besser, die verkauft mittlerweile jeden Scheiss."

Popmusik hat angesagt zu sein und es ist ein andauernder Meinungskampf und vorallem ein tägliches Wettrennen um Publicity und Artikel-, oder iTunes-Käufe oder Clicks im Internet geworden. Ein unüberschaubarer Strudel, den man vollkommen zur Seite stellt, wenn man einfach nur das gekaufte Werk in den Player wirft und auf Play drückt, sich eine CD-Laufzeit lang einfach nur mit dem Produkt beschäftigt und betet, das hart erarbeitete Geld nicht für Schwachsinn rausgeworfen zu haben. Extra Stress für Pop-Alben also, die so schnell an der Kante zur Sinnlosigkeit klingen und eine Welt beschreiben, die man als Normalsterblicher einfach nicht betritt, sondern nur davon träumt. Darüber sinniert.

Wenn ein Justin Timberlake also nach 6 1/2 Jahren und einer lustwandelnden Film-Karriere wieder einen Longplayer auf den Markt bringt, spitzt die 1. Welt die Ohren und setzt die Röntgenbrille auf um den herabgestiegenen Messias ausgewogen zu durchleuchten. Und da mich Mr. Timberlake einst mit sauberer Tanzmusik verzauberte und sein Kunstwerk über Sex und Liebe in unserer Zeit unerwartet stark in meiner persönlichen Wertung abschnitt, muss ich zugeben, nicht minder gehyped worden zu sein, wieder etwas von ihm um die Ohren gesäuselt zu bekommen. Plötzlich ist mir Popmusik ein Thema. Auf einmal kämpft hier ein Hollywood-Star um mehrere Strawards.
Mit Pauken und Trompeten.

Timberlake bringt eine rosarote Kreativität zu Tage, die an Charisma seinesgleichen sucht. Er schafft es, dieses hier nun mehr oder minder triefende Gesülze authentisch klingen zu lassen, unterstreicht seine Komplimente mit bodenständiger Badassness am Mikrophon (Suit & Tie), stimmt einen mehrstimmigen Lobgesang auf die Einzigartigkeit seiner Auserwählten an (Pusher Love Girl), arbeitet mit einhergehender Problematik eines Liebenden (Tunnel Vision, Mirrors) und trifft offenkundig jeden Ton dabei. Ob bei der ersten Aufnahme oder der zehnten ist in solchen Momenten irrelevant.

Diese kühle Brise während der 20/20 Experience, nimmt nur äußerst selten stürmische Regionen an. Sie tanzt hauptsächlich im Traumwandel und es empfiehlt sich, die Scheibe in langsamen Momenten zu genießen, um einer kitschigen .. Disney-Magie (Blue Ocean Floor) die Chance zu geben, sich zu entfalten. Sofort spürt man den inhaltlichen Wert des Werks und kann Timberlake längst nicht mehr böse sein, uns eine gefühlte Ewigkeit nicht mit einfach gestricktem Pop guten Herzens erfüllt zu haben.

Das nun ausgesprochen .. es könnte besser sein. Ab und an gewinnt man nämlich den Eindruck, er spielt auf ein Tor ohne Tormann, dreht seine Tracks in den abschließenden zwei Minuten geradezu nochmal um 90° um eine vollkommen neue Perspektive zu schaffen. Kurz gesagt: Man bewertet zu oft zwei Songs an Stellen, an denen es sich um lediglich einen handeln sollte.
Freilich hört sich das geil an, stinkt aber nach einer Art Musterschüler, der sich auf dem Risiko ohne Überraschung nicht ausruhen will.
Zudem hat er sich mit den Bonus-Tracks auf der Deluxe-Version keinen Gefallen getan. Blue Ocean Floor als Outro zu killen ist ein Produktions-Fauxpas. Eine EP hätte ich ihm mit Sicherheit abgekauft.

Anders als auf vorherigen Alben bietet nicht jeder Song eine Sympathie für die Ewigkeit. Die Singles sitzen stabil im Sattel, wichtige Eckpunkte wurden taktisch abgesteckt. Nur zwischendrin krankt das Ding etwas, kann daher als Gesamtwerk nicht über seinen direkten Vorgänger herausragen.

Gott sei Dank also ist das Label schlau genug, Ende des Jahres ein Sequel zu veröffentlichen. Ob die Musiklaune über den Zorn der doppelten Kosten triumphieren kann, wird sich also früher zeigen müssen als erhofft.

StrawHat
(shouldn't have to ask that question)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
  
01 Pusher Love Girl
02 Suit & Tie
03 Don't hold the wall
04 Strawberry Bubblegum
05 Tunnel Vision
06 Spaceship Coupe
07 That Girl
08 Let the Groove get in
09 Mirrors
10 Blue Ocean Floor
11 Dress on
12 Body Count

Dienstag, 4. Juni 2013

1.31.1 Queens of the Stone Age - ...Like Clockwork

7.8/10.0

Es hat eine gute Weile gedauert, bis ich mich aufgeschlossen an die wechselhaften QOTSA heranpirschen konnte. Nach einzelnen Sympathien zum Debutalbum und aufmerksamen Lauschern auf sowohl mittlerweile bekanntere Songs, als auch auf die durchaus interessanten Eckpunkte anderer Scheiben (insbesondere Lullabies To Paralyze und Songs For The Deaf), konnte ich mich schließlich aber doch auf das kommende neue Werk freuen, das ich mir schließlich auch gleich wie geplant zum Release griff.

Ich kann eine merkwürdige Faszination von Mr. Hommes Regie wirklich nicht abstreiten. Spätestens seit er die Arctic Monkeys zur Kraftentwicklung verdarb, sitze ich mit in seinem holprigen, anschlagenden Klangboot und fahre - im Falle von ...Like Clockwork - durch den dunklen Nebel, der mich an die schönsten Geisterbahn-Stationen führt, die ich mir beim Durchhören jemals erdenken konnte.

Personelle Umstellungen und ungewollt frühe ablebige Erfahrungen hatten dieses unbestritten unerwartet fokussierte Album zur Folge, auf dem sich pulsierende Trommelbewegungen und Gitarrenriffs im Wellengang überholen. Doch in diesem Tanz herrscht keine zehrende Hektik - die wäre in der erzielten Düsternis etwa so überfordert wie ein Vampir im Aufnahmestudio. Nein, Homme und sein Quartett bauten in der Erstellung dieses gelungenen Werks auf alte Routen. Sie greifen auf den Vertrauten Sound zurück und erzielen somit, was der konditionierte Fan hören will - Klangtreue.
Das Ding ist durch und durch QOTSA, wenn auch offenherziger und entspannter. Ich höre musikalische Führung und auch Freigeistarbeit heraus. Begeisternd abgestimmte Übergangspassagen zwischen den Songs (sogar mit unverhofften Gastvocals Mr. Turners) und einen kraftvollen Stomp, der sich durch das halbe Album zieht.
Beinahe ein Dutzend renommierter Namen zwischen Sir Elton John (der dem Album eine echte Queen schenken wollte) und Zornjammerstimme Trent Reznor tummeln sich in den Credits von ...Like Clockwork, verhelfen der Scheibe schon aber der ersten laufenden Sekunde eventuell zur Unsterblichkeit.

Unsicher, wie ich mich der drehenden Scheibe nähern sollte, erwischte mich der rohe, bestechend hässliche Brecher Keep Your Eyes Peeled eiskalt. Ich war Fan des Albums, bevor ich mir merkte, wie viele Punkte im Titel zu sehen sind. Mittelpunkt dieser Bestechung sind die brillianten Texte, die in fescher Queens of the Stone Age-Manier gut und gern geflüstert, gejault und vorallem geraunzt werden. Erschreckenderweise sind die guten Songs auch gegen gemeine Stichproben gewappnet, also kann sich der Gelegenheitshörer durchaus flott anstecken. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch wohlgemerkt bei den größten Nummern wie If I Had A Tail und The Vampyre Of  Time And Memory am höchsten. Die Single My God Is The Sun ist zudem nicht schlecht gewählt, ebenso macht das Musikvideo etwas her, doch das war sowieso nie die Sorge der Truppe.
Schlusslicht und Namensgeber für das sechste Studioalbum der Amerikaner ist in seiner tragischen Idylle nur das entspannende, abgerundete Tüpfelchen auf dem I.

Die berauschende Stimmung von so einem Hard Rock-Album ist unbeschreiblich fleischig und mit vollen Ernst kann ich sagen, dass ich nicht erwartet hatte, so bald wieder von einem harten Stück Rockmusik begeistert zu sein. Unterm Strich hat sich meine Hartnäckigkeit bei QOTSA bezahlt gemacht (nicht zuletzt bei der Band selbst).

Mindestens reinhören sollte drin sein. So leicht machen es einem die Herren eventuell nie wieder, sie zu empfehlen.

StrawHat
(hat an der Y-Schreibweise von Vampir gefallen gefunden)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:

01 Keep Your Eyes Peeled
02 I Sat By The Ocean
03 The Vampyre Of Time And Memory
04 If I Had A Tail
05 My God Is The Sun
06 Kalopsia
07 Fairweather Friends
08 Smooth Sailing
09 I Appear Missing
10 ...Like Clockwork

Freitag, 17. Mai 2013

1.7.4 Daft Punk - Random Access Memories

 
8.8/10.0

So lange auf ein weiteres Werk warten zu müssen, ist pure Tortur. Ich erinnere mich an viele Punkte in den letzten 8 Jahren, an denen ich mir fast nichts sehnlicher wünschte, als ein neues Studioalbum von Daft Punk in den Händen halten zu können.
Das ist reichlich Zeit um sich alle möglichen Werke und Fortsetzungen auszumalen. Als treuer Fan denkt man irgendwann, den Genius vollkommen zu verstehen und ein architektonisches Gesamtkunstwerk in den rauf- und runtergehörten Alben zu erkennen, die Struktur der großen Hits und der anstrengenden Lückenfüllerpassagen bis zur Ekstase zu genießen. Als begeisterter Hörer und Verfolger des Duos wird man in den unzähligen Sessions mit Homework, Discovery und Human After All eins mit dem Groove und der unaussprechlichen Dynamik der Roboter. Sie bieten begleitende Tanzmusik, hörbare Emotion zu allen Lebenslagen. Wer von Daft Punk mitgerissen wird, wandelt in einem atemberaubenden positiven wie negativen wie neutralen musikalischen Strom.
Und ist zu irgendeinem Zeitpunkt mit brutaler Wartezeit auf Lebenszeichen konfrontiert.

Jetzt gehen wir auf Sommer 2013 zu und mit tatkräftiger Hilfe musikalischer Größen wie dem fleischgewordenen Discoriff Nile Rodgers, Allroundlegende Paul Williams oder Strokes-Krachstimme Julian Casablancas (u.v.a.) wirkt die jahrelange Daft Punk-Minimalportionierung (der TRON: Legacy O.S.T. kam mit diversen Beigeschmäckern) wie ein schrecklicher Albtraum, denn Random Access Memories ist zur Abwechslung kein Hoax, kein Gerücht und kein fankonstruierter Mutmacher auf YouTube. Das Disco-Schiff ist tatsächlich existent und vor offiziellem Release über die (mittlerweile mediale pfui-bäh) Amazon-Autobahn in meiner Anlage gelandet und hat mich gleichermaßen begeistert wie gerührt. Mission accomplie, messieurs.

Die angekündigte Wiederauferstehung des Disco-Genres ist mit allen gehaltenen Versprechen eingetreten, stimmige Instrumente schaukeln in diesem Abendfüller vor sich hin. Hört man es voll aufgedreht, bewegen sich Becken und Beine wie von alleine (reimt sich), gibt man sich die Kopfhörer und schließt die Augen, sieht man Farben und imaginäre Filmchen, gemischt mit Erinnerungen und Gedankenwelten. Und der Musikgott schütze euch, wenn ihr Selbstzweifel und Liebeskummer mit euch rumschleppt, denn die Herren packen mit The Game of Love und Within Geschütze aus, die nicht spurlos an euch vorrübergehen werden.
Und wir reden hier vom Herzstück dieses Werks - dem unaufhaltsamen Emotionspusher, der von Track zu Track umspringt und euch mit Facetten wie Biografie, Musical und Raketenlärm bearbeitet.
Diese Stimulation findet abwechslungsreich aktiv wie passiv statt, denn tatsächlich ist auf dieser LP viel Begleitmusik enthalten. Für mich ein unsterbliches wohl-klingendes Mischmasch, mit perfekt positionierten Gaspedalen und geschmeidigen Bremsen, extremen Ohrwürmern und der Reise zum Inbegriff des Funk.

Wohl-klingend könnte der Knackpunkt für viele sein, denn wer sperrigen Robotersound (wie zum Großteil auf Human After All enthalten) sucht, wird hier genausowenig fündig wie die Jäger nach Tanzekstasen der Extraklasse (Alive 2007). Es klingt nach Daft Punk, aber handzahmer, schmeichelnder, ermutigender. Kein Gutes Beispiel für diese Aussage mag das wechselhafte Touch sein, durch dessen interessant in Szene gesetzte Anfangsphase man erstmal durch muss, um den wichtigsten Eindruck von Random Access Memories zu gewinnen: Es lebt.
Und du tust gut daran, es mit dir mitleben zu lassen.

Wer sich also mit einer weiteren großspurigen Seite dieser Meister zurechtfinden möchte, greift bitte zu. Es ist eine der besten Scheiben der letzten Jahre und könnte zu einer wichtigen Eckfahne in diesem Jahrzehnt heranreifen, lässt man es wachsen und stopft allen Zweiflern die Mäuler. Wer sich angewidert wegdreht, trägt ein schwer - aber immerhin - heilbares Loch in seinem Musikgeschmack umher.

StrawHat
(got lucky)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:

01 Give Life back to Music 
02 The Game of Love
03 Giorgio by Moroder 
04 Within
05 Instant Crush
06 Lose yourself to Dance
07 Touch
08 Get Lucky
09 Beyond
10 Motherboard
11 Fragments of Time
12 Doin' it right
13 Contact

[Try the whole thing please]





Donnerstag, 31. Januar 2013

1.8.5. The Chemical Brothers - Don't Think

6.8/10.0

Wie hat die Welt auf eine Live-DVD von den zwei Manchester Urgesteinen gewartet! Don't Think beschreibt den ersten Konzertmitschnitt, den die Herren in ihrer Laufbahn offiziell veröffentlichen. Aufgezeichnet während des japanischen Fuji Rock Festivals, das große Finale ihrer Tour 2012, bieten sie eine psychedelische Achterbahn mit begeisternden Zwischenstopps auf den zahlreichen Alben, die von den Chemical Brothers in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht wurden.

Don't Think fühlt sich bei aller Liebe alles andere als üblich an. Die verschiedenen großzügig verwendeten Perspektiven lassen eine gut spürbare, garantiert beabsichtigte, Awkwardness aufkommen. Das japanische Publikum, sichtliche Langzeitfans inklusive, ist dem Feiern auch nach dem x-ten Bassdrop nicht müde.

Die Brothers machen ihren Job erwartungsgemäß ordentlich und kümmern sich um die ansprechende Abwechslung auf dieser knallenden Achterbahn.
Selbstredend sind die Mixes das A und O auf dieser Scheibe. Viele gehen unter (die schlichte Verwendung vom epischen Galvanize treibt mich zu Tränen), einige verwandeln sich in unsterbliche Gesangsblumen, die sich nur für wenige Minuten zur Sonne drehen. Glücklicherweise gelingt mit Another World und Horse Power ein gelungener Start in die Scheibe. Immerhin einer von wenigen echten Höhepunkten - denn selbst der Haupttitel Don't Think hält nicht den hohen Erwartungen stand.

Somit ist es wenig erstaunlich, dass sich der Höhepunkt in einem Mix aus Klassiker (Star Guitar) und Zugpferd des neuesten Studioalbums (Swoon) ergibt.
Die kurzlebigen Details erledigen auf diesem Album die Hauptarbeit. Die Tracklist bietet zwar ein breites Spektrum an Trackgiganten, aber die Überleitungen nutzen sie an vielen Stellen zu wenig.

Während die Projektions des fiesen Clowngesichts gegen Ende des Programms langsam Herrschaft über das Publikum ergreift (manche wundern sich sichtlich, ob sie nicht eingeschlafen und in einer skurrilen Farbtraumwelt wieder aufgewacht sind), merkt man den Chemical Brothers ihre Einstellung zu ihrem Geschäft an. Die Lust zur Provokation findet an wesentlichen Eckpunkten des Konzerts Platz und, mit dem langen Warten auf einen Konzertmitschnitt, natürlich eine Menge Abnehmer.

Im Endeffekt ist es egal, wie sie das Konzert schaukeln, welche Videos sie synchron auf der Leinwand zeigen und wie sehr sie den stimmungsvollen Flow der ab und an enttäuschenden Mixes mit ergreifendem Lichtspektakel untermalen. Es sind offensichtlich zwei der größten Produzenten elektronischer Musik am Werk und wenn man die Augen schließt und sich einfach nur dem Klang von diesem einzigen Medley fügt, wird man Teil davon.
.. und Teil der Religion psychedelischer Clowns.

StrawHat
(gets himself high)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:

01 Another World / Do it again / Get yourself high
02 Horse Power / Chemical Beats
03 Swoon / Star Guitar
04 Three Little Birdies / Hey Boy Hey Girl
05 Don't Think / Out of Control / Setting Sun
06 Saturate
07 Believe
08 Escape Velocity / The Golden Path
09 Superflash
10 Leave Home / Galvanize
11 Block Rockin' Beats 
  
LINKS: 

DON'T THINK TRAILER: http://youtu.be/21UItm9UCr0