Montag, 23. September 2013
1.40 Nujabes
It's funny how the music put times in perspective /
Add a soundtrack to your life and perfect it /
Whenever you are feeling blue keep walking and we can get far /
Wherever you are.*
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Als Seba Jun kurz nach seinem 36. Geburtstag verstarb, ging ein Raunen durch das Internet. R.I.P.-Bekundungen in Foren, Musikstreamseiten und -portalen verdeutlichten einen menschlichen Verlust, dessen Berichterstattung man in Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt fast unbewusst vermisste. Dies lag zum einen daran, dass es nie wirklich etwas publizierenswertes über den Tokyoter Produzenten und DJ zu berichten gab, außer die Entwicklung einer neuen Kollaboration oder der Erscheinung einer weiteren Scheibe. Und zum anderen daran, dass das Internet als unersetzbares Medium der Daten- und Informationsübertragung unter anderem dafür sorgte, dass wohl die Musik keines Künstlers so nachdrücklich und betont empfohlen, verlinkt und geschenkt wurde und wird, wie die einzigartigen Beats von Nujabes.
1 - Beat Laments The World
F.I.L.O., I'd rather do nothing else /
If I follow my heart to the last pulse /
Like the last man down in the towering inferno of Babylon /
First in, last out.**
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Das mag eine äußerst subjektive Auffassung sein - eine, mit der ich mich sogar aus dem Fenster lehne. Gedacht ist es als Ausrufezeichen, das auf dieses viel zu kleine Lebenswerk des Japaners hinweisen soll. Eine große Bitte gar, sich seinen stimmungsbeeinflussenden, menschenverbindenden Tracks zu widmen und zeitnah ein Bild von seiner Musik zu machen.
Was sein rhythmische Down- wie Uptempo-Melodien so faszinierend macht, ist nämlich u.a. die zwirbelnde Jazz-Komponente, die ein zugleich erstaunlich introvertiertes wie forsches, verspieltes Feuerwerk aus dem Datenträger schießen lässt. Die erzählten Rhymes der vielzähligen Jamgäste spielen sich dazu wie aufgezeichnet ab. Man sieht Meisterwerke vor geschlossenem Auge, obwohl es nur die Musik ist, die man real wahrnimmt. Nujabes' abwechslungsreicher Soundspielplatz bietet zeit- und zornvertreibende Attraktionen, die mal instrumental, mal nicht, Raum zum Durchatmen geben. Es putzt das von Druck und Anspannung überlastete Hirn durch, ohne gedankenlos und erfolgsorientiert zu wirken. Gleichzeitig funktionieren die treibenden Beats aber mit einem Ohr lesbar und unkompliziert.
Es ist Jazz Hop-Entspannungsmusik.
2 - Music Is Mine
A freelancer / A battlecry of a hawk make a dove fly and a tear dry /
Wonder why a lone wolf don't run with a clan /
Only trust your instincts and be one with the plan.***
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In den wenigen Jahren, in denen Nujabes aktiv war, wurde also immerhin viel Nachhaltiges geschaffen. Die freundschaftlichen Sessions mit CYNE's Cise Starr, einem einstmaligem Undergroundtalent von der amerikanischen Ostküste, und selbstverständlich den ortsnahen Kompositionen mit Shing02, einem erklärten Freund des Künstlers, da vom selben Fach, mündeten in das weltweit als Meisterwerk angesehene erste Studioalbum Metaphorical Music. Diese über eine Stunde laufende Zusammentragung einzelner vielschichtiger Hip-Hop-Experimente legte den Grundstein für die spätere Anerkennung seiner magischen Tracks.
Richtig interessant wurde es für aufmerksame Ohren jedoch erst mit dem viel gelobten Battlecry, dem legendären Opening der zweischneidigen schwarzen Animekomödie Samurai Champloo, deren 26 Episoden mit Nujabes' unvergleichlichem Tonensemble, sowie den abgeklärten Vocals von Shing02 eingeleitet wurden. Fast vergaß man, dass man die Sendung für die gute Show sah, und nicht für den musikalischen Beitrag.
3 - Spiritual State
Throw your hands up in the sky /
Wave around from side to side /
we about to get fly.****
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Doch Nujabes Lebenswerk ist auch nur mit den durchwegs liebevoll eingebundenen Instrumenten zusammen zu fassen, die auf den weiteren Alben stärker in den Mittelpunkt gerückt wurden. Geglückte Piano-Loops schmiegen sich zärtlich an eine Reihe klassischer Instrumente und den beruhigenden Hip-Hop-Pulsschlag an und eine glückselige Klangwolke tröstet einem das gebrochene Herz, über Jun Sebas tödlichen Unfall an einer tokyoter Autobahnausfahrt und das daraufhin lediglich posthum veröffentlichte dritte Studioalbum Spiritual State.
Der unnötige Tod eines so wertvollen (weil friedfertigen), talentierten menschlichen Wesens ist ein Anhaltspunkt für mich, dass kein Gott, sondern Chaos diese Welt überwacht. Es geht Hand in Hand mit der Erkenntnis wunderschöne, treibende, tragende und inspirierende Melodien zu erfahren, und der absoluten Vergänglichkeit, mit der man sich als lebender Mensch irgendwann befassen muss.
Wenigstens scheine ich für diese Gedanken nun einen passenden Soundtrack gefunden zu haben.
StrawHat
(tief)
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STRAWPINIONS:
Absolute Anspieltipps: Lady Brown, Luv (Sic) Part 3*, Kumomi, Beat Laments The World, F.I.L.O.**, Feather, Battlecry***, Latitude (Remix)****, Spiritual State, City Lights, World's End Rhapsody
LINKS:
LIVE AT THE MODAL SOUL RELEASE PARTY: http://youtu.be/hN_4l80sMYM
NUJABES TRIBUTE SITE: http://www.nujabes.org
Donnerstag, 12. September 2013
1.14.5 Arctic Monkeys - AM
7.6/10.0
Die Arctic Monkeys wissen was sie tun. Jeder Augenkontakt on stage zeugt von eingespieltem Verständnis, abgestimmtem Rhythmus, kumpelhaftem Flow. Alex Turners stramme Textwellen schlagen gegen die ebenso wohl überlegte wie gut durchgeführte Soundküste, bedeutend einer starken Flut in mystisch überlieferten Legenden biblischen Formats. Texte, die wie Unheil heißende brennende Zündschnuren ihren Weg ziehen, bei der kurzweiligen Berührung einer größeren Menge Schwarzpulver kurz an Kraft gewinnen, um sich schließlich doch geduldig dem über 40 Minuten-langen Weg zum Pulverfass am Ende der Spur zu widmen. Unglücklicherweise steht dort aber keines.
Es stellt sich aber natürlich die Frage, ob eine erfolgreiche Explosion überhaupt das Ziel war. Denn wenn man Interviews und Eindrücke der Mitwirkenden liest, so entsteht der Eindruck, dass eher die Reise des Albums das Ziel war, als die abschließende befriedigte Meinung über das neueste Werk der nordenglischen Band. Offenkundig eine spätnächtliche Reise, die viel mit sinnvoller Verwertung weiblicher Trophäen eines zögerlich nachwirkenden Streifzugs durch den Club bzw. die Bar zu tun hat.
Are you mine tomorrow / Or just mine tonight schnurrt Turner in seiner neu gefundenen, geschickt aufgesetzten Rolle mit der amerikanischen Souveränität eines Greasers. Und der Hörer kann der beeindruckten Lady nicht böse sein, sich auf dieses anzügliche Spiel einzulassen. Denn die Zündschnur brennt die Form eines hoffnungsvoll verlorenen Herzens nach, lässt Turners brutal romantische Metaphern glänzen wie den als Kulisse dienenden Sternenhimmel.
Zwischendurch erweckt eine pikant eingesetzte E-Gitarre dieses weitestgehend Ton-in-Ton gehaltene Werk zum Leben und lässt es in seinem dunklen Festsaal zufriedenstellend rotieren. Arabella ist ein Pulverfass-nahes Kunstwerk, das nicht nur den Höhepunkt der von Josh Homme verbrochenen Arctic Monkeys zu präsentieren hat, sondern auch die höchst talentierten Sounderben von - diesmal nicht so Bibel-gleichen - zentralenglischen Legenden.
Wer dann also auf halbem Wege die Idee hatte vom Gaspedal zu gehen und sich dem bestechend mitschunkelbaren Sound eines langsam aber unabstreitbar tatsächlich endenden Abschlussballs zu widmen, gehört verflucht.
Man hört diese zu ihren Anfängen so arschtretende, explosiv schnelle, geistreiche, laute Band nunmal nicht für 08/15-L'amourhadscher wie dem leider verzeihbaren No.1 Party Anthem und Mad Sounds und seinen schleimigen Ooh-La-La-Passagen, die der betanzten Momentaufnahme einer Rentnerparty gleichen.
Ich erhoffte mir von ihnen die Musik zurück, die sich fast überschlägt, neu (er)findet und sich nicht in eine Ecke stellen und deuten lässt.
Aber die sich noch immer von Hommes wüstenamerikanischem Biss erholenden Künstler spülen das zirkulierende musikalische Gift des Ringhalsnatter-gleichen QOTSA-Frontmanns gar nicht erst heraus, sondern leben ihre Wunde, gehen den schon auf Humbug begonnenen und auf Suck it and See zum Tageslicht geführten Pfad bis zum perfektionierten spätnächtlichen Ende.
Ich kann den Zugpferden R U Mine? und Do I Wanna Know? keine Authentizitätspatzer vorwerfen, doch ihre tragende Dominanz macht es dem Rest des Albums schwer, Boden zu fassen und den in den Anfangstracks angekündigten Disziplinen gleich zu ziehen. Seien es Helders bzw. O'Malleys gehauchte Backvocals oder die trockenen, formulierten Riffs - jedwede entscheidende Sinnhaftigkeit der Scheibe findet man binnen den ersten pechschwarzen 3-4 Tracks, bzw. im versöhnlich zwielichtigen Abschluss mit I Wanna Be Yours.
Beim mehrmaligen Hören der Scheibe bin ich aus verschiedenen Gründen also den Tränen nahe. Denn erscheint mir der Rockmessias in der ersten Viertelstunde höchstpersönlich in Topform, so zeichnet sich beim relativ langsamen bzw. steifen Schwingen der fürchertlich kontrollierten Genialität der hochbegabten Rockband Arctic Monkeys eine Blasphemie ab, deren Fäden an den Fingern des nicht minder talentierten Josh Homme hängen, er seine vier Jahrhundertfänge wie im Höhepunkt vom Chancen zur Versöhnlichkeit vergebenden Knee Socks (das alle Zweifel an diesem Album mit einem umreissenden, vereinenden Finale aus dem Gehirn hätte wischen können) hörbar zappeln lässt und väterlich den Überblick über Turners Textkunstwerk behält.
Die Arctic Monkeys wissen was sie tun. Sie scheinen den Stand der Dinge als Ziel ihrer bisherigen Entwicklung zu sehen, ihr Wüstenstudio lieb gewonnen zu haben.
Ich wünsche mir, dass sie aus ihrem amerikanischen Traum erwachen und wieder unberechenbar werden.
StrawHat
(versteht nicht wie in so viel Falschheit diese Menge an Richtigkeit liegen kann)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
01 Do I Wanna Know?
02 R U Mine?
03 One For The Road
04 Arabella
05 I Want It All
06 No.1 Party Anthem
07 Mad Sounds
08 Fireside
09 Why'd you only call me when you're high?
10 Snap out of it
11 Knee Socks
12 I Wanna Be Yours
Samstag, 7. September 2013
1.39.1 James Blake - James Blake (Deluxe)
8.7/10.0
Ich denke, mich relativ unvorbelastet in das erste Studioalbum des Nord-Londoners zu werfen und einfach mal abzuwarten, was genau mir da empfohlen wurde, war eine kluge Herangehensweise.
Denn wenn man nach dem Herrn googlet, sich die vielen aberwitzigen Beschreibungen seiner Musik durchliest, und auf plötzliche Offenbarung, nein, zumindest Wegweiser hofft, in welche musikalischen Gebiete es einen mit dem nach ihm selbst benannten Album verschlagen wird, dann wird man weder schlauer, noch glücklich.
Glücklich wird man, so gesehen, beim Hören aber auch nicht. Das kommt erst hinterher. Wenn man die ewige herrschende Dunkelheit dieser Scheibe hinter sich gelassen hat, die rauschenden Beats, die einem wie sichtbarer Staub in der leicht beleuchteten Nacht entgegenfliegen, durch seine Erinnerung daran streifen lässt und eine ausgiebige Zeit lang darüber nachdenkt, woran man eben teilhaben durfte nämlich.
James Blake, Jahrgang 88, beschreibt seine musikalische Suche nach sinnvoller Musik jedenfalls als eine sehr glückliche. Sich dem Schreiben von Songtexten zu widmen, mit merkwürdig vertrauten Kompositionen wie dem Opener der Deluxe-Edition, Tep and the Logic, etwas auszulösen, vielleicht etwas Positives auf der Welt zu hinterlassen.
Positive Melancholie, wenn ich dem etwas hinzufügen darf.
Die Songs auf diesem Album schwingen sehr tief und größtenteils, nein hauptsächlich, langsam. Oft ist es nur seine gehauchte, elektronisch verzerrte Stimme, die den Hörer an der Hand nimmt und mutig durch den Track zieht. Notwendiger Mut, denn reflektierende Lyrics warten an jeder Strophenecke und luren hungrig nach menschlichen Schwächen und geben Gelegenheit in unterhaltsamer Schwermut, Emotionen raus zu lassen.
Es ist, gelinde gesagt, süchtig machend, sich in jene Dunkelheit zu stellen und Mr. Blakes Ideen eines guten Albums das Ruder übernehmen zu lassen.
Klar, man kann das Ding auch bei Besuch im Hintergrund laufen lassen und es sorgt letztendlich sicherlich für Gemütlichkeit und Vertrautheit, aber wird man diesen gigantischen Nummern wie Limit To Your Love, The Wilhelm Scream oder dem Lindisfarne-Zweiteiler auf diese Weise gerecht?
Nein, es ist als würde man auf einer Geburtstagsfeier beiläufig The Godfather ansehen und kurz vor Beginn einer filmhistorischen Szene, diese mit "Yeah, die Stelle wird jetzt so gut!" kommentieren.
Ähnlich Burial, musikalisch bloß mindestens ein entfernter Dubstep-Cousin, zeigt James Blakes Debutalbum, dass man sich für gewisse Musik Zeit nehmen und zur Ruhe finden muss.
Dann wirken die teilweise irritierend deutlichen elektronischen Effekte (Unluck, I Mind, You Know Your Youth) eben auch nicht mehr konträr, sondern begleitend und ein Stück weit essenziell, so wie es sich der Künstler vorgestellt hat.
CD 1 ist also bis zum Rand voll mit progressiven rechten Haken. Ein luxuriöser Umstand, der uns das Anhängsel mit seinen sechs weiteren Nummern fast als nebensächlich erscheinen lässt.
Und tatsächlich geht die fortgesetzte Wirkung der zweiten Scheibe (der Enough Thunder EP) im Vergleich eher baden, und hat etwas von unnötiger Überstrapazierung. Deplatzierte, hinterfragende Überlegungen über Produktionsentscheidungen schleichen sich zum flächendeckend guten Eindruck des Albums, und den beinahe religiösen Klängen von Measurements. Track 4, die wunderschöne Sonate A Case For You gibt aber auch diesem Teil schließlich seine Daseinsberechtigung, wenn auch etwas spät. Da es außerdem als separates, aufwärmendes, Werk zu sehen ist, hinterlässt es in der Gesamtwertung der LP keine Spur, wird irgendwann für sich selbst geradestehen müssen.
Um also am Ende eines klar zu stellen: Ein Fall für jeden wird der als freundlich und zufrieden bechriebene Musiker nicht sein, dazu ist sehr Gesangstil einfach zu selten vom roten Faden abweichend und für ein leichtes, oberflächliches Hören (und danach ist erfolgreiche Popmusik ja bekanntermaßen gerichtet) tendenziell ungeeignet.
Ich bin aber der Meinung, dass es sich bei der fast schon magischen Atmosphäre dieses Albums um eine kraftgebende Spende für die innere Zufriedenheit handelt. Songs, die beispielsweise Liebeskummer heilen können, und Menschen einander verstehen lassen.
Und was gibt am Ende mehr Glück als das?
StrawHat
(stellt auch mal rhetorische Fragen)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
CD 1
01 Tep and the Logic
02 Unluck
03 The Wilhelm Scream
04 I Never Learnt To Share
05 Lindisfarne I
06 Lindisfarne II
07 Limit To Your Love
08 Give Me My Month
09 To Care (Like You)
10 Why Don't You Call Me
11 I Mind
12 Measurements
13 You Know Your Youth
[Try the whole thing please]
CD 2 (Enough Thunder EP)
01 Once We All Agree
02 We Might Feel Unsound
03 Fall Creek Boys Choir (with Bon Iver)
04 A Case Of You
05 Not Long Now
06 Enough Thunder
Samstag, 24. August 2013
1.36.2 Simian Mobile Disco - Temporary Pleasure
3.2/10.0
Der Effekt, auf den die Simian Mobile Disco setzt, ist neben all den taktisch platzierten Geschmacksverstärkern und Zuckergusströpfchen kein langanhaltender. Ohne aus dieser Enttäuschung gelernt zu haben, legten Jas Shaw und James Ford zwei Jahre nach dem Debutalbum in neuer Kombination, mit neuem Look und neuem Namen erneut auf, versammelten Freunde und große Namen, und schnitten sich schließlich ein ins Bild passendes Nachfolgergesicht, das 2009 unter dem Namen Temporary Pleasure das Licht der Welt erblickte.
Für dieses Temporary hätte man als deutlichen Sicherheitshinweis auf dem farbenfrohen Cover noch eine spezifische Definition in Minuten notieren sollen, denn abermals brauchen die zwei musikalisch bewandelten Männer nur wenige Tracks um die klaren Grenzen der immerhin gut beleuchteten Disco aufzuzeigen.
Okay, um ehrlich zu sein sind es Sekunden, die einen vom erneuten Bild eines misslungenen Versuchs ihrer lyrischen Nu-Disco einen Housemotor einzubauen, trennen. Es wäre für die Herren garantiert ein Leichtes gewesen, in etwa einen Tom Rowlands zu konsultieren und damit sicherzustellen, dass ein musikalischer Spagat wie etwa Cream Dream funktioniert. Gruff Rhys, ein quasi unsichtbarer Gastsänger bei eigentlich eh allem, besticht zwar, setzt sich aber nicht fest.
Chris Keating, Frontmann der Yeasayer, leitet das starke Audacity of Huge (weise als Single ausgekoppelt) überzeugend und einfach nur viel besser ins Ohr. Kühne, arrogante Betonung und ein unwiderstehlicher Beat tragen Schuld daran, dass eine recht flache Scheibe wie Temporary Pleasure auch ein Anrecht auf Höhepunkte besitzt.
Vergleichbares findet man aber sonst eher nicht. Den Kontrast zu sich zögerlich warmlaufenden House-Tracks mit gelegentlichen Vocals gibt eigentlich nur Gaststimme Beth Ditto in Cruel Intentions, die von ihrem Organ Gebrauch macht und ein an und für sich viel zu kleines komplettes hörbares Puzzle zu einem Beinahe-Popsong umwandelt.
Und im Großen und Ganzen wars das. Ich spaße nicht.
Wie ein überschüssiges Buffet, steht das Album viel zu lange auf sonnenbeschienenen Tischen und wer zwischen viel wichtigeren Aktivitäten Zeit und Hunger auf ein kleines Häppchen hat, kann sich auf Temporary Pleasure und den experimentellen Resten bedienen.
DJs können mit Ambulance (zugegebenermaßen bemerkenswerte Basseinstellungen) oder Off The Map sicher etwas anfangen, Breakdancer treffen mit Turn Up The Dial auf klares Übungsmaterial.
Was genau der rote Faden auf SMD-Alben sein soll, ist mir ein Rätsel. Die Tracks mit Gesang sind in 70 % der Fälle fragwürdiger Durchschnitt, die elektronischen Einschläge zeigen in Bridges die Handschrift von Könnern, wummern aber an den meisten Stellen ins Nichts.
Die Rückkehr zu den genannten Größen auf den Album scheint, zu ähnlich dem Vorgänger Attack Decay Sustain Release, geradezu vorentschieden.
Was man mit den langweiligen (Pinball) oder einseitigen (Bad Blood) Überbleibseln anfängt, soll man sich halt selber aussuchen.
Empfehlenswert ist es aber jedenfalls nicht.
StrawHat
(moar like Audacity of Lame)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
01 Cream Dream (feat. Gruff Rhys)
02 Audacity of Huge (feat. Chris Keating)
03 1.000 Horses Can't Be Wrong
04 Cruel Intentions (feat. Beth Ditto)
05 Off The Map (feat. Jamie Lidell)
06 Synthesise
07 Bad Blood (feat. Alexis Taylor)
08 Turn Up The Dial (feat. Young Fathers)
09 Ambulance
10 Pinball (feat. Telepathe)
Donnerstag, 15. August 2013
1.33.2 Kanye West - My Beautiful Dark Twisted Fantasy
8.5/10.0
Can we get much higher?
Eine gute Frage. Glücklicherweise haben wir Kanye West im Gepäck, der uns 2010 vermutlich das Album seines Lebens offenbarte. Das 69 Minuten-Werk (.. ausgerechnet ..), unter anderem als Konzeptalbum gehandelt, beantwortet die Frage ohne weitere Umschweife. Auch wenns eher wackelig losgeht, denn Dark Fantasy, an und für sich ein fantastischer Start in das Album, legt die Fallenkarte des bemerkenswert schlechten Gesanges auf den Tisch.
"Aber vielleicht ist Kanye West einer der großen Musiker dieser Welt, eben weil er eine handfeste Atmosphäre in Minuten aufbauen und in wenigen Sekunden einreissen kann"
Diese Macke soll etwas Gutes, ein wichtiger Aspekt am Künstler sein?
Nein, es ist ein unsinniger taktischer rechter Haken ins Innenohr, den der geschulte Hörer dieses Albums nicht verdient hat.
Umso schmerzhafter, dass fast der komplette Rest einem unumstößlichen Meisterwerk gleicht. Selbst als West den Boden der unbringbaren Reime entlangschleift, erschafft er eine unnachahmbare Stimmung, deren Zweck im Großen und Ganzen die oftmals grobschlächtigen Mittel heiligt. Dies betrifft die gierige Kralle im Sampletopf, die allgegenwärtige Pussy-Referenz (wie sollte man den Sexualpartner auch anders aufs Papier bringen?), gratwandernden Autotune, und selbst einen Skit gegen Ende des Albums, der nach dermaßen schlechtem Humor stinkt, dass er wieder witzig ist.
Wohlwissend, dass seine lieblichen Gesangsqualitäten ihn nicht durch die ganze Scheibe werden retten können, hat sich der Künstler aber ausreichend Unterstützung verschafft (kennt ja jeder jeden in dem Biz). John Legend, Jay-Z, Kid Cudi, Pusha T und ein gigantischer ähnlicher Buchstabensalat an Namen geben sich auf dem Album die Studioklinke in die Hand, auch wenn es bloß um die Produktionsüberwachung geht.
Als Regisseur seines Gesamtkunstwerk überzeugt West ebenfalls in jedweder Hinsicht. Über das musikalische Gespür, Verwendung von etwaigen Instrumenten und Pay-Off seiner zweideutigen Texte fährt die Eisenbahn mitsamt ewigem Güterwaggonanhang. Sei es die Verwendung der biegsamen Nicki Minaj (und ihrem, wie mir zu Ohren kam, berüchtigten) Einsatz im Track Monster, die bislang einzige genießbare Single mit Rihanna an Bord - All Of The Lights, oder den perfekt sitzenden, anbetungswürdigen Samples im Jahrhundertsound des Hell Of A Life-Tracks.
Zum Niederknien.
Und dabei handelt es sich bloß um die eigentliche Spitze eines überwältigenden Eisbergs, denn um die lyrische Wirkung des Promotion-Zugpferds Power lässt sich ebenso wenig streiten wie über das gefühlvolle Gehauche in Blame Game. Auch die nachhaltig widerspenstige Aussprache von Ridiculous auf dem ewigen Beschwerdebrief So Appalled kann nicht oft genug gehört, belacht und respektiert werden.
Nein, selbst perfekt geschliffene Ecken und Kanten eines Kanye West können über so ein Album nicht hinausragen. Ein Mann, der sich beigebracht hat, nicht die Schnauze zu halten und den Geldgebern wie -verdienern allerorts seine unverblümte Einstellung über Gott und die Welt ins Gesicht zu klatschen, egal ob es die Leute nun interessiert oder nicht. Sein Vermächtnis wird unumgänglich sein, der Menschheit mit seinem Schicksal, seiner Meinung und seinem Sexleben so penetrant im Ohr gelegen zu haben, dass sein Name im selbigen haften blieb.
Im Sinne einer großartigen Songsammlung und dem Privileg es mit voller Lautstärke auf einer mit ordentlichem Bass unterlegten Anlage hören zu können, mich himmelhochjauchzendem Rihanna-Chorus und zu Tode betrübten Runaway-Gedankenmanifestationen hingeben zu dürfen, räume ich Mr. West diesen Platz aber gerne ein. Er mag ein, selbst für erfolgreiche Künstler, bemerkenswerter und an Selbstüberschätzung leidender Douchébag sein, aber spätestens mit My Beautiful Dark Twisted Fantasy ging er in die Geschichte ein.
Couldn't get any higher than this.
StrawHat
(needs more than pussy and religion)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
01 Dark Fantasy
02 Gorgeous (feat. Kid Cudi & Raekwon)
03 Power
04 All Of The Lights [Interlude]
05 All Of The Lights
06 Monster (feat. Jay-Z, Rick Ross, Nicki Minaj & Bon Iver)
07 So Appalled (feat. Swizz Beatz, Jay-Z, Pusha T, Prynce Cy Hi & RZA)
08 Devil In A New Dress (feat. Rick Ross)
09 Runaway (feat. Pusha T)
10 Hell Of A Life
11 Blame Game (feat. John Legend)
12 Lost In The World (feat. Bon Iver)
13 Who Will Survive In America
[Try the whole thing please]
Mittwoch, 7. August 2013
1.38.1 Kavinsky - OutRun
6.5/10.0
Der nächste EP-Kandidat. Die letzten sieben Jahre brachte der Pariser in fast regelmäßigen Abständen kleine Schmankerlsammlungen heraus, die DJs auf der ganzen Welt mit tranigen Synths und regeren Remixes versorgten. Im Februar 2013 veröffentlichte er jedoch schließlich ein ersehntes 45 Minuten-Album, das von Kritikern (möglicherweise durch die naheliegende Assoziation mit dem Film Drive) quasi durchgewunken wurde.
Durch den Remix der Single Odd World stieß ich schließlich auf die weiteren zusammengetragenen Werke des Nightcall-Komponisten.
Mit eben diesem Track fing es für mich nämlich ebenfalls an. Das denkwürdige Opening zum umwerfenden (nicht mehr so geheimen) Geheimtipp mit dem charismatischen Ryan Gosling in der Haupt- und dem genialen Bryan Cranston in der Nebenrolle. Die Emotion, der schwere Beat, die rührende Bewegung im Titelsong verursachte ein genauso lachendes wie melancholisches Musikfreundherz. Der Name Kavinsky blieb im Ohr, der Sound sowieso. Die zuständigen Mitarbeiter unter der Regie von Nicolas Winding Refn haben mit Kavinsky wahrlich ein gutes Ohr bewiesen.
Dass der Herr nun mit dem restlichen Studioalbum natürlich nicht aus dem Windschatten der geschlagenen Welle heraussurft, sondern seinen Autobezug zu einem Konzept umwandelt - ja sogar eine dramatische Backstory dazudichtet - ist ihm nicht anzukreiden. Die ausgegrabenen 80er-Synths funktionieren charmant und unaufdringlich, die vermeindliche Story wird mit (wenn vorhanden) lyrischer Fertigkeit erzählt und dieser donnernde Bass bietet den Boxen eine gern gehörte Aufgabe.
OutRun (benannt nach dem Sega-Arcade-Game aus den tiefen 1980er Jahren) wechselt sich geradezu launisch zwischen flotten elektronischen Effekten, fast stressenden Passagen, die an den wankelmütigen Flow von Kriminalfilmen aus derselben Ära erinnern, und langsamen, untanzbaren Tracks ab. Ein Umstand, der die Bewertung eines ebenso zielgerichteten wie unsteten, darüber hinaus größtenteils instrumentalen, Longplayers nicht gerade erleichtert.
Es ist nämlich meiner Meinung nach schwer, sich Kavinskys mitreissender Einstellung gegenüber seinem eigenen Sound zu verwehren, die wiedermal bestätigt meisterliche Handschrift eines Daft Punk-Bruchteils in der Rolle des Produzenten zu überhören.
Man könnte OutRun ein Kraftalbum nennen. Eines von denen, das hauptsächlich auf deutschen Tempolimit-losen Autobahnteilen gehört werden sollte, einfach weil es da hingehört. Alles unter einem deutlichen Bassverstärker wird dem Album zudem leider nicht gerecht: Ohne das komplett genutzte Ventil, öffnen sich auf der anregenden Scheibe nämlich Löcher, die man eigentlich überhören sollte.
Eine gewisse Oberflächlichkeit ist nämlich unbestreitbar.
Ja, er lässt Mobb Deep-Rapper Havoc zu seinem schlagenden Suburbia ans Mic treten, aber mehr als das heilige fast, fast car bleibt dabei einfach nicht hängen.
Einleitung und Outro bilden einen gefühlsechten Rahmen, aber sonderlich tief ist die Ermunterung dazu, sich hinters Steuer zu setzen und dem allgegenwärtigen Vibe des Albums Folge zu leisten, auch nicht.
Wohin also mit all dieser Energie? Was folgt?
Ich bete, dass Kavinskys Retro-Verständnis bei kommenden Werken keine Sackgasse bildet, sondern viele neue Straßen baut, die einen dem abgedroschenen Sound von vor 30 Jahren wieder näher bringt und uns vergessen lässt, dass man ihm skeptisch entgegen zu treten hat.
StrawHat
(mochte OutRun, liebt Drive)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
01 Prelude
02 Blizzard
03 ProtoVision
04 Odd Look (feat. SebastiAn)
05 Rampage
06 Suburbia (feat. Havoc)
07 Testarossa Autodrive
08 Nightcall (feat. Lovefoxxx)
09 Deadcruiser
10 Grand Canyon
11 First Blood (feat. Tyson)
12 Roadgame
13 Endless
Freitag, 2. August 2013
1.37.1 Skrillex - Bangarang (EP)
4.1/10.0
Was für ein gefundenes Fressen, was für ein zuverlässiger Publicity-Lieferant! Eine schlichte Erwähnung von dem Mann, der Musik tötete und jede Runde ist um eine enthusiastische Diskussion reicher.
Da es im hier beschriebenen Genre scheinbar mittlerweile Brauch ist, die wartende und treue Fanmenge mit neuen kleinen Errungenschaften in wohldosierten EP-Portionen zu füttern, es einem - so könnte man meinen - widerstrebt, die herausgepickten stärkeren Songs zusammen auf einem Album zusammen zu veröffentlichen, liegt natürlich die Alternative nahe, die Geldsau richtig bluten zu lassen. Kurze Promotion-Alben erscheinen oft mehrmals jährlich (dazu zu unerhörten Preisen) und irgendwann fragt man sich: Wird man hier nur verarscht?
Diese Frage kann einem im Falle von Skrillex selbstverständlich nicht nur bei Betrachtung der Rechnung durch den Kopf gehen, sondern auch - oder vorallem - beim Hören der .... Musik.
Der Künstler hat es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, den sowieso schon äußerst zweiseitigen Dubstep auf eine neue Stufe zu stellen. Auf eine noch diskutablere Stufe.
Die elektronische Bearbeitung bzw. Soundverschandelung auf seinem Macbook findet ihren Höhepunkt im schrillem Beatfeuerwerk, mit interessanten Tönen wie Screaaaacheaaacheaaach und Woowoowoowoo, selbst auf Lautstärke 0 ohrenbetäubend, aber (immerhin) im Takt.
Bangarangs Erfolg ist bei all der fehlenden musikalischen Weiterentwicklung des Programmierers nur das Ergebnis erfolgreicher Vermarktung und überlebtem Hype des Künstlers, und natürlich gut besuchten Konzerten in aller Welt. Es scheint Leuten zu gefallen, was der unattraktive Kalifornier auflegt, und - im Falle der Alben - aus dem Studio schickt und als "fertig" bezeichnet.
Es sei gesagt, dass Skrillex' Version von Dubstep sehr partytauglicher Lärm für partysüchtige Teens und Twens ist, man sich in Verbindung mit der 70er Jahre-Generation vorausschauend zurückhalten sollte, und allen Damen und Herren mit einem Geburtsdatum ab oder in diesem Jahrzehnt diese Kommerzlaune und eine eventuelle Ansteckung ersparen muss.
Selbst mich hat es erwischt. Auch ich kaufe es ihm weitestgehend ab.
Der Grund dafür sind die beeinflussenden Vibes, die da und dort aus den Tracks fließen. Right In haut permanent ins blutende Ohr, schenkt aber Emotion inmitten dieser auditiven Stressauslastung, bietet an einem unbestimmbaren Ort zwischen Skrillex' unverkennbaren Ga-Boofz-Beat eine unanfassbare Oase, deren Klang bei mir Verlangen nach mehr verursacht. Bangarang, die Lead-Single, kann mittlerweile neben Skrillex' erfolgreichen Scary Monsters And Nice Sprites als merkantes Beispiel für seinen gewöhnungsbedürftigen Klang dienen. Ein Hit. Und meiner Meinung nach nicht unberechtigt, denn es ist unkompliziert und positiv.
Dass nicht alle 7 Lieder auf diesem Extended Play eine derartige Kurve fahren können, war abzusehen. Der Doors-Sample-Track stürzt ab, The Devil's Den (in Zusammenarbeit mit dem gut herumgereichten Wolfgang Gartner) ist nur in den ersten und letzten 20 Sekunden zu gebrauchen, Right On Time kann man schon mal am Ballermann betanzen (für die Sympathie am zerhackten Mittelteil muss ich mich stets selbst verantworten), und wem Sirahs unvertretbat abgenudelter, kitschiger Text (bei dem selbst ein Will Smith mit den Augen rollen würde) in Bangarang noch nicht zu viel war, der bekommt den Hauptgang im ansonsten zufriedenstellenden, fetzigen Kyoto serviert. ("Go, Skrill, drop it hard.")
Wie der Abschlusstrack Summit in diesen aggressiven Pool passt, ist mir nie ganz klar geworden. Ellie Goulding, die dem Künstler in Folge auch recht nahe kam, schickt einen stabilen - teilweise durch Bearbeitung recht vermurksten - Gesang ins Rennen, kühlt die Bangarang-EP gerade noch rechtzeitig ab und hinterlässt mit gezielt schwermütigem Text eine kleine melancholische Beule beim Entfernen der CD. Vielleicht also doch eine wichtige Position für das Lied.
Um dem Gesamtwerk am Ende gerecht zu werden, drängt sich der Gedanke auf, das Review darüber eigentlich soweit unleserlich gestalten, dass man einfach nur jedes vierte Wort schreibt und jedes sechzehnte Worte wiederholt. Aber warum sich so viel Arbeit machen? Ein Rating spricht mehr als tausend übersprungene Worte.
StrawHat
(hat Gefallen an Tinitus gefunden)
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TRACKLIST & HIGHLIGHTS:
01 Right In
02 Bangarang (feat. Sirah)
03 Breakin' A Sweat (feat. The Doors)
04 The Devil's Den (feat. Wolfgang Gartner)
05 Right On Time (with 12th Planet and Kill the Noise)
06 Kyoto (feat. Sirah)
07 Summit (feat. Ellie Goulding)
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